Vom erhobenen Zeigefinger zum Empowerment
50 Jahre LZG – das ist ein halbes Jahrhundert Engagement für die Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger von Rheinland-Pfalz. In dieser Zeit hat sich die LZG kontinuierlich in ihren Herangehensweisen, ihren Methoden und Kampagnen weiterentwickelt, hat sich den Erfordernissen der Zeit gestellt und einen Wandel vollzogen: von der Volksbelehrung mit erhobenem Zeigefinger und der Gesundheitserziehung durch Abschreckung hin zu einer lebensweltorientierten Gesundheitsförderung mit dem Ziel, Menschen in ihrer Selbstverantwortung zu stärken.
Landesausschuss für gesundheitliche Volksbelehrung – so lautet der Name der Keimzelle der LZG. 1973 wird die Arbeitsgruppe auf Mitgliederbeschluss in Landeszentrale für Gesundheitserziehung in Rheinland-Pfalz umbenannt und am 18. Juli des gleichen Jahres als gemeinnütziger Verein ins Vereinsregister eingetragen. Der Hintergrund: Die Gesundheitserziehung in Rheinland-Pfalz soll intensiviert und in freier Initiative wirksam werden. Der Ideengeber, der unter dem damaligen Gesundheitsminister Dr. Heiner Geißler die Institutionalisierung der Gesundheitserziehung vorangetrieben hat, ist Ministerialdirigent Prof. Dr. Hans Rüdiger Vogel. Er wird der erste Vorstandsvorsitzende des Vereins. Mit 28 Mitgliedern startet die LZG.
Als Domizil dient zunächst ein provisorischer Büroraum im Ministerium für Soziales, Gesundheit und Sport. Auch personell geht es noch bescheiden zu: Zwei Mitarbeitende kümmern sich um den Aufbau der Vereinsstruktur – einer davon ist der Geschäftsführer Peter Sabo, der fast zehn Jahre auf dieser Position bleibt. Im Februar 1974 werden eigene Geschäftsräume in der Schusterstraße 54 in der Mainzer Innenstadt bezogen, und die Zahl der Beschäftigten steigt auf fünf Personen.
Belehrung und Abschreckung
Im Begriff „Gesundheitserziehung“ spiegelt sich das damals gängige, pädagogisierende Konzept wider: Man muss die Menschen nur oft und eindringlich genug über die Funktionen des Körpers, schädliche Verhaltensweisen und die daraus resultierenden Erkrankungen aufklären, dann werden sie sich schon gesundheitsförderlich verhalten.
Angesprochen werden vor allem Kinder, Jugendliche und Eltern. Sie sollen auf Gesundheitsgefahren hingewiesen und zu gesundheitsgerechtem Verhalten angeleitet werden. Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte spielen in der Vermittlung eine große Rolle, werden in der Gesundheitserziehung weitergebildet und erhalten entsprechende Materialien an die Hand.
In den ersten zehn Jahren stehen die Themen der Weltgesundheitstage, die die Weltgesundheitsorganisation WHO vorgibt, im Vordergrund. Sie werden von der LZG als Jahresmotto aufgegriffen, zum Beispiel Ernährung und Bewegung, Nichtraucherförderung, Gesundheit von Kindern und Jugendlichen, Prävention von Genuss- und Rauschmittelmissbrauch, Zahngesundheit oder Herz-Kreislauf-Risikofaktoren.
Die Gesundheitsförderung setzt in dieser Zeit vornehmlich auf verhaltenspräventive Maßnahmen. Die Ansprache hat nicht selten auffordernden Charakter und bewegt sich um Vorschriften und Verbote: Du musst dich mehr bewegen, trink weniger Alkohol, du darfst nicht rauchen, iss nicht zu fett und verzichte auf Süßes! Vor allem „Trimm Dich“ ist das Schlagwort der Zeit. Einer gesundheitsschädlichen Lebensführung, die für medizinische Probleme verantwortlich gemacht wird, tritt man häufig mit erhobenem Zeigefinger und abschreckenden Beispielen entgegen.
Zu diesem Zweck besitzt die LZG den Rauchermax, eine lebensgroße Puppe, die auch verliehen wird. Sie kann den Rauch einer in den Mund gesteckten Zigarette inhalieren, woraufhin sich ihre Lunge aus Watte, die man im offenen Brustkorb sieht, eindrucksvoll verfärbt. Ein in Schulen häufig eingesetzter Film zur Raucherprävention heißt „Der Tod gibt eine Party“. Darin ist zu sehen, wie Raucherbeine amputiert werden – ein Schockerlebnis, das aus heutiger Sicht fragwürdig erscheint und seine erzieherische Absicht vermutlich verfehlt hat.
Die LZG wächst
1978 erfolgt der Umzug in ein von der Landesregierung gepachtetes und renoviertes Haus am Karmeliterplatz in Mainz, ein schöner Altbau mit größerem Raumangebot. 1983, zehn Jahre nach der Gründung, ist die Zahl der Mitglieder auf 51 und die der Beschäftigten auf neun Personen gewachsen.
Herausforderung AIDS
Mit Auftauchen der Immunschwächekrankheit AIDS in den 1980er Jahren steht die Gesundheitsförderung und Prävention vor einer großen Herausforderung. Die Gesellschaft ist aufgewühlt – die LZG begegnet der Verunsicherung mit breit angelegter Aufklärung für verschiedene Zielgruppen. 1987 gründet sie das ASIZ, des AIDS-Schulungs- und Informationszentrum. Es bietet Fortbildungen an, stellt ein Literatur- und Materialarchiv zur Verfügung, ermöglicht den Erfahrungsaustausch von Fachkräften und informiert infizierte Menschen und ihre Angehörigen über Hilfs- und Beratungsangebote.
Mit dem Dreiklang aus Aufklärung, Entstigmatisierung und Solidarität mit Betroffenen geht die LZG in der Anfangszeit der AIDS-Prävention einen professionellen und modernen Weg und besteht ihre erste Bewährungsprobe.
Meilenstein 1: die Ottawa-Charta der WHO
Die 1980er-Jahre bringen einen Paradigmenwechsel mit sich: von der Verhütung von Krankheiten zur Förderung der Gesundheit, so wie es die 1986 verabschiedete Ottawa-Charta, das Schlussdokument der ersten internationalen Konferenz über Gesundheitsförderung, formuliert. Menschen sollen künftig befähigt werden, ihre persönlichen Kompetenzen zu entwickeln, Lebenswelten sollen gesundheitsförderlich gestaltet werden und die Gesundheitsdienste sollen sich neu orientieren, um gesundheitliche Gemeinschaftsaktionen besser unterstützen zu können. Über allem steht der Grundsatz, eine gesundheitsförderliche Gesamtpolitik zu entwickeln.
Die LZG folgt diesem neuen Verständnis und lehnt ihre Programmatik an den in der Ottawa-Charta formulierten umfassenden Gesundheitsbegriff an. Die Stärkung persönlicher Ressourcen, ein lebensraumorientierter Ansatz und die Betonung der positiven Auswirkungen gesunder Lebensweisen kennzeichnen seither die Arbeit der LZG. „Empowerment“ heißt das Stichwort: Der Mensch als selbstverantwortliches Individuum steht im Mittelpunkt und soll in der Entwicklung eigener Kompetenzen für ein gesundes Leben unterstützt werden.
Der Weg von der erzieherischen, „besserwissenden“ Haltung hin zu einer lebenskompetenzfördernden und angebotsorientierten Arbeit schlägt sich in einem neuen Namen nieder: 1992 benennt sich die LZG um in „Landeszentrale für Gesundheitsförderung“.
Gesundheit geht nur gemeinsam
Der Wille, Gesundheitsförderung als eine Gemeinschaftsaufgabe zu sehen, die nur durch Zusammenarbeit und Vernetzung mit anderen Organisationen gelingen kann, wird im Jahr 2000 in einem Claim zum Ausdruck gebracht: „Gesundheit braucht Partner“ – und um diese bemüht sich die LZG mit großem Einsatz. Sie akquiriert Mitglieder aus den Bereichen Gesundheit, Bildung, Soziales, Selbsthilfe, Rehabilitation, Gesetzliche Krankenversicherung und Wirtschaft und pflegt Partnerschaften in allen gesellschaftlichen Bereichen. Dies ermöglicht vielfältige Kooperationen und sichert der LZG themen- und zielgruppenspezifische Unterstützung. Ihre Kontakte ermöglichen zu immer neuen Anlässen Bündnisse zu schmieden und Netzwerke aufzubauen, die die Projekte in den Regionen von Rheinland-Pfalz umsetzen. So werden im Laufe der Zeit 41 Demenznetzwerke, 11 Bündnisse gegen Depression, 9 Gesundheitsnetzwerke für Menschen mit Migrationshintergrund, 38 Regionale Arbeitskreise Suchtprävention und 16 Regionale Fachstellen zur Prävention der Glücksspielsucht von der LZG initiiert, koordiniert und unterstützt.
Ein Kuratorium für das neue Jahrtausend
Zur Vernetzung in die Gesellschaft trägt auch ein Kuratorium bei. Florian Gerster, Minister für Arbeit, Soziales und Gesundheit, stellt im Jahresbericht 2000 fest, die LZG habe ihre Akzeptanz und ihren Handlungsrahmen wesentlich erweitert. „Es war mir daher ein Anliegen, Repräsentantinnen und Repräsentanten aus Politik, Wissenschaft, Bildung und Wirtschaft für eine Mitarbeit zu gewinnen. Die Mitglieder des am 22. November 2000 neu eingerichteten Kuratoriums haben sich bereit erklärt, für die Ziele der Gesundheitsförderung zu werben. Sie öffnen insbesondere den Zugang zu Akteuren außerhalb des Gesundheitswesens“, so der Minister.
Inhaltlich verfolgt die LZG den Grundsatz „Gesundheitsförderung soll Spaß machen“: Sie will Neugier wecken, positive Anreize setzen, einen gesunden Lebensstil attraktiv machen.
Meilenstein 2: das Präventionsgesetz der Bundesregierung
Das Präventionsgesetz bringt 2015 einen weiteren Paradigmenwechsel mit sich: weg von der Dominanz verhaltenspräventiver Angebote für Einzelne hin zu einer nachhaltigen, integrierten und partizipativen Strategie von Gesundheitsförderung und Prävention in unterschiedlichen Lebenswelten. Vor allem den Kommunen kommt durch das Präventionsgesetz eine besondere Bedeutung zu. Da sie Lebenswelten wie Kitas, Schulen, Vereine, Pflegeeinrichtungen usw. vereinen, gelten sie als Dachsetting, unter dem verschiedene gesundheitsfördernde Maßnahmen zur gesundheitlichen Chancengleichheit beitragen können. Insbesondere vulnerable Gruppen sollen davon profitieren, also Menschen, die ein höheres Gesundheitsrisiko tragen, weil sie aufgrund von besonderen Lebenslagen oder Mehrfachbelastungen ungünstigere Gesundheitschancen haben.
Rheinland-Pfalz verabschiedet als eines der ersten Bundesländer eine Landesrahmenvereinbarung zur Umsetzung des Präventionsgesetzes und definiert vier sogenannte Landesnetzwerke. Sie sollen zur Entwicklung von effektiven Strukturen beitragen und Empfehlungen für Gesundheitsförderungs- und Präventionsprogramme abgeben. Auch hier findet die LZG ihre Rolle. Sie arbeitet in allen Netzwerken mit und moderiert seit 2017 mit ihrer Koordinierungsstelle Gesundheitliche Chancengleichheit das Landesnetzwerk Kommunale Gesundheitsförderung.
Vielfalt aus Gesundheitsangeboten
Im Laufe der Zeit wird die LZG zum Sitz zahlreicher Fach-, Service- und Koordinierungsstellen: Neben dem 1987 gegründeten AIDS-Schulungs- und Informationszentrum werden 1994 das Praxisbüro Gesundheitsförderung für und mit Schulen und das Büro für Suchtprävention ins Leben gerufen. 2002 folgt die Initiative Organspende Rheinland-Pfalz, 2005 die Servicestelle für Lokale Bündnisse für Familie, 2008 die Fachstelle zur Prävention der Glücksspielsucht RLP. Vor allem die Jahre 2009 bis 2011 bringen einen Boom mit sich: Landes-Netz-Werk Demenz, Initiative Bündnisse gegen Depression Rheinland-Pfalz, Servicestelle Gut leben im Alter, Servicestelle für kommunale Pflegestrukturplanung,Landesberatungsstelle Neues Wohnen Rheinland-Pfalz – sie alle werden auf Initiative und mit Finanzierung der zuständigen rheinland-pfälzischen Ministerien bei der LZG angesiedelt und tragen mit ihrer Arbeit zum Erreichen gesundheitspolitischer Ziele der Landesregierung bei.
2016 wird die LZG-Akademie gGmbH gegründet, die zunächst vor allem Schulungen zur Glücksspielsuchtprävention im Rahmen des Landesglücksspielgesetzes durchführt.
Optimistischer Blick nach vorn
Im Jubiläumsjahr hat die LZG 81 Mitglieder und beschäftigt 68 Personen – darunter 25 Schulgesundheitsfachkräfte, die an Grundschulen im ganzen Land im Einsatz sind.
Entlang der Themenbereiche „Gesund aufwachsen“, „Gesund leben, arbeiten und altern“, „Arbeits- und Gesundheitsförderung“ sowie „Kommunale Gesundheitsförderung“ entwickelt sich die LZG kontinuierlich weiter. Sie greift aktuelle Themen auf, wie zuletzt in Zusammenhang mit der Corona-Pandemie und ihren Folgen, aber führt auch langfristige Aufgaben, zum Beispiel die HIV/AIDS-Prävention, beharrlich weiter. 50 Jahre nach ihrer Gründung kann die LZG weiterhin auf die Landesregierung zählen, mit deren Unterstützung sie sich dafür einsetzt, Rheinland-Pfalz zu einer gesünderen Lebenswelt zu machen.
Aus der Geschichte
LZG-Rap
Am Rande eines Musik- und Videowettbewerbs zur Suchtprävention für junge Leute entstand 2007 ein LZG-Rap.
Den wollen wir Ihnen nicht vorenthalten!
Das erste Logo der LZG (1973)
Der Rauchermax (70er-Jahre)
Mehr Mitglieder, mehr Beschäftigte, mehr Raum am Karmeliterplatz (1978)
Logo von 1998–2014
Parlamentarische Abende
Der Gründungsvorsitzende der LZG, Prof. Dr. Hans Rüdiger Vogel, und Ministerpräsident Kurt Beck (2010)
Grußwort von Ministerpräsidentin Malu Dreyer (2014)
Gesprächsrunde mit Gesundheitsministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler (2019)
Die LZG heute
Die aktuelle Adresse in der Hölderlinstraße
Logo und Claim seit 2014
Hinweis zum LZG-Rap:
Text: Hans-Herrmann Wickel, Sprecher: Andreas Wickel
Bildnachweis: STockSnap/pixabay.com