HIV, Hepatitis, Chlamydien & Co – Die sexuelle Gesundheit erhalten und schützen
In den 1980er Jahren leistet die LZG in Rheinland-Pfalz Pionierarbeit auf dem Gebiet der AIDS-Aufklärung. Trotz großer Fortschritte in der AIDS-Behandlung ist die Prävention sexuell übertragbarer Infektionen bis heute ein wichtiges Arbeitsfeld geblieben. Im Fokus stehen vor allem junge Menschen.
„Da AIDS nicht behandelt werden kann, ist Vorbeugung das wirksamste Mittel gegen diese Krankheit. Die Beachtung von vorbeugenden Maßnahmen wird eine Krankheit unterbinden und eine AIDS-Epidemie verhindern, die die ganze Menschheit bedrohen würde“, heißt es in einem Flyer der LZG aus dem Jahr 1987. Es ist die Anfangszeit der AIDS-Epidemie. Anders als heute gibt es keine Therapien und die Angst vor einer Ansteckung mit HIV ist groß. Das Virus führt fast immer zu einer Erkrankung – und das bedeutet in den meisten Fällen den Tod.
Schon 1985 taucht das Thema AIDS erstmals als Gegenstand einer Lehrkräftefortbildung bei der LZG auf. Auf die sich ausbreitende Epidemie reagiert sie zwei Jahre später mit der Gründung des ASIZ, des AIDS-Schulungs- und Informationszentrums. „Solange die Krankheit AIDS weder geheilt noch durch Impfung verhindert werden kann, ist die Aufklärung der gesamten Bevölkerung das zentrale Mittel, um die weitere Verbreitung dieser Krankheit einzudämmen.“ Mit dieser programmatischen Aussage, die der aufgeheizten öffentlichen Diskussion sachliche Informationen entgegensetzt, wird die Initiative vorgestellt.
Über das ASIZ, das in seinen Grundzügen bis 2008 besteht, wendet sich die LZG vorrangig an Lehrkräfte, Betriebsräte, Fachkräfte in den Gesundheitsämtern und Drogenberatungsstellen – also an Personen, die viel mit anderen Menschen zusammenkommen. Sie sollen für die AIDS-Aufklärung gewonnen werden. Die Aktivitäten des ASIZ werden von der Öffentlichkeit zum Teil kritisch begleitet. So heißt es in einem Leserbrief in der Rhein-Zeitung vom 12.9.1989: „Es ist mehr als traurig, wie hier Jugendliche zur Verwendung und zum Kauf von Kondomen zum Schutz gegen AIDS angeleitet werden … Es ist eine Schande, dass den Verantwortlichen zur Eindämmung von AIDS nichts Besseres einfällt.“
„Lassen Sie Betroffene nicht allein!“
Das ASIZ führt Informationsveranstaltungen durch und bietet kostenlose Fortbildungen an – bis zu 20 Fortbildungsveranstaltungen im Jahr mit rund 550 Teilnehmenden. In einer Präsenzbibliothek werden umfassend Fachliteratur und Materialien aller Art gesammelt. Ein Medien- und Materialverzeichnis, das laufend aktualisiert wird, stellt auf mehr als 60 Seiten Unterrichtsmaterialien, Filme, Diaserien, Audiokassetten, Bücher und zielgruppenspezifische Broschüren zum Thema HIV und AIDS zusammen. Die Präsenzbibliothek und ein Archiv ermöglichen Interessierten, Literatur und Broschüren zu sichten und sich noch intensiver in die Thematik einzuarbeiten. Neben Schulung und Information sieht das ASIZ seine Aufgabe auch darin, den Austausch zwischen allen, die in diesem Bereich aktiv sind, zu sichern: Es versteht sich als Begegnungsstätte und als Ort des Erfahrungsaustauschs.
Die AIDS-Presseschau, die die LZG jeden Monat versendet, gibt einen Überblick über die Berichterstattung zu HIV/AIDS und wird den AIDS-Fachkräften der Gesundheitsämter zur Verfügung gestellt. Sie findet später auch überregionales Interesse, u.a. wird sie vom Bundesministerium für Gesundheit, von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, vom Robert Koch-Institut und von der Deutschen AIDS-Hilfe abonniert.
Mit dem „Beratungsführer AIDS“ wendet sich die LZG direkt an Betroffene und ihre Angehörigen und informiert umfassend über alle Hilfs- und Beratungsangebote in Rheinland-Pfalz. Auch der Ausgrenzung von HIV-Positiven und AIDS-Kranken wirkt man entgegen. „Es besteht aus medizinischer Sicht keine Veranlassung, Infizierte oder Erkrankte von unserem alltäglichen Umgang auszuschließen. Infizierte leiden am stärksten – außer unter ihrer Krankheit – unter dem Rückzug ihrer Mitmenschen“, heißt es in dem Flyer „AIDS – gibt es eine Gefahr am Arbeitsplatz?“, der in Betrieben verteilt wird.
Ein weiterer Appell lautet: „Lassen Sie Betroffene nicht allein, geben Sie ihnen die gleiche Sorge und Unterstützung, die Sie erhoffen und erwarten würden, wenn Sie ernsthaft krank wären.“ Was heute ein gängiger Anspruch ist, ist in den Anfangszeiten der AIDS-Epidemie noch die Ausnahme: Solidarität und ein vorurteilsfreies Miteinander mit HIV-positiven Menschen. Die LZG thematisiert beides schon früh.
Die Folgen einer Infektion nicht unterschätzen
Heute wird AIDS in der Gesellschaft kaum noch als Bedrohung wahrgenommen. Dazu hat der Erfolg der medikamentösen Therapie beigetragen, die inzwischen ermöglicht, mit AIDS ein fast normales Leben zu führen.Trotzdem: Es gibt keinen Grund zur Entwarnung. Immer noch infizieren sich in Deutschland zu viele Menschen mit HIV. Auch wenn AIDS an Schrecken verloren hat, bleibt es eine chronische Erkrankung, die lebenslange medikamentöse Behandlung erfordert und weitreichende körperliche, soziale und psychische Folgen haben kann.
Zudem ist die Zahl anderer sexuell übertragbarer Infektionen (Sexually Transmitted Infections, STI) besorgniserregend. Viele Menschen denken, dass die sogenannten Geschlechtskrankheiten der Vergangenheit angehören. Dabei zählen die Chlamydien-Infektion, HPV, Tripper (Gonorrhoe), Syphilis, Herpes, Trichomoniasis und Hepatitis B neben HIV zu den häufigsten sexuell übertragbaren Infektionen in Deutschland. Sie sind leichter als HIV übertragbar und können unbehandelt zum Beispiel zu Schädigungen des zentralen Nervensystems oder zu Unfruchtbarkeit führen. Zudem machen sie den Körper anfällig und können das Risiko einer HIV-Infektion steigern. Die Zahl sexuell übertragbarer Erkrankungen ist in den letzten Jahren wieder angestiegen. Die Gründe dafür sind, wie Studien belegen, vor allem Unwissenheit und Leichtsinn.
Kein Leichtsinn in Urlaubslaune
Im Sommer 2012 startet die LZG eine landesweite Aufklärungsinitiative zu STI unter dem Motto „Sexuelle Infektion kennt keine Grenzen“. In Kooperation mit den AIDS-Hilfen und Gesundheitsämtern werden Infoaktionen an verschiedenen Orten durchgeführt, um auf die Infektionsgefahr im Urlaub hinzuweisen. Der Auftakt findet zu Ferienbeginn in der Abflughalle am Flughafen Hahn statt. Reisende werden hier nicht nur beraten, sondern erhalten gleich auch Infopäckchen mit Kondomen und den Rat „Liebe ja, aber geschützt“ mit auf den Weg.
Aufklärung bleibt wichtig
An ihrem bewährten Prinzip, Menschen zu schulen und zu vernetzen, hat die LZG in ihrer Aufklärungsarbeit stets festgehalten. Sie kooperiert nach wie vor mit den pädagogischen, medizinischen und psychologischen Fachkräften der Gesundheitsämter und AIDS-Hilfen in Rheinland-Pfalz, die in ihren Regionen die Aktionen zur Beratung, Testung, Betreuung und Prävention koordinieren. Regelmäßige Fortbildungen der AIDS/STI-Fachkräfte sorgen dafür, dass die Arbeit weiterhin hochqualifiziert geleistet werden kann.
Stärkung der Eigenverantwortung
Seit zwölf Jahren bietet die LZG gemeinsam mit dem Gesundheitsministerium, dem Bildungsministerium, den AIDS-Hilfen Rheinland-Pfalz sowie den Gesundheitsämtern eine Aktionswoche zu HIV/AIDS/STI an den weiterführenden und berufsbildenden Schulen im Land an. Mit der Schulpräventionswoche sollen Schülerinnen und Schüler für das Thema sexuelle Gesundheit sensibilisiert und Wissen über sexuell übertragbare Infektionen und deren Verhütung vermittelt werden. Ziel ist, die Gesundheitskompetenzen der Jugendlichen zu erweitern und sie darin zu bestärken, für sich und andere Verantwortung zu übernehmen – ohne dabei ein Bild zu vermitteln, das Sexualität vor allem mit Krankheit und Risiko in Verbindung bringt.
Kondome, Broschüren, Informationen über Intimhygiene – das Materialangebot ist bunt und wird kostenlos zur Verfügung gestellt. Eine Elterninfo gibt Anregungen, wie Aufklärung über Sexualität und Gesundheit in der Familie gelingen kann. 2023 steht die Entwicklung eines E-Learning-Angebots für Schülerinnen und Schüler auf dem Arbeitsprogramm. In Zusammenarbeit mit einer Selbsthilfegruppe HIV-Betroffener produzierte Videos zum Thema sexuelle Gesundheit machen sich die Bekanntheit des YouTubers Mirko Drotschmann alias „MrWissen2go“ zunutze. Die altersgerechten Clips sollen künftig im Schulunterricht zum Einsatz kommen.
Seriöse Informationen – jugendgerecht präsentiert
Auch wenn Informationen zum Thema Sexualität heute leicht verfügbar sind – zuverlässig sind sie nicht unbedingt. Das jüngste Aufklärungsformat für Jugendliche, LIEBESLEBEN – Das Mitmach-Projekt, wartet dagegen mit gesicherten Informationen und praktischen Ratschlägen zu allen Fragen rund um die sexuelle Gesundheit auf: Themen wie sexuelle Orientierung, Geschlechtsidentität, Safer Sex und sexuell übertragbare Infektionen werden offen und vorteilsfrei in gut verständlicher Sprache dargestellt. Die Jugendlichen werden in ihrer Selbstakzeptanz gestärkt und ermutigt, genauso offen über eigenes Liebesleben, ihre Wünsche, Erwartungen und Probleme zu sprechen.
Das Projekt, das von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) entwickelt wurde, erweitert das sexualpädagogische Angebot der Schulen um ein zeitgemäßes und niedrigschwelliges Format. Möglichst viele weiterführende Schulen in Rheinland-Pfalz sollen damit erreicht werden. Die LZG ist am Projekt LIEBESLEBEN mit ihren Kernkompetenzen beteiligt – der Durchführung von Fortbildungen und der Vernetzung.