ImpfLotsen Rheinland-Pfalz – auf dem Weg aus der Pandemie
2021, im zweiten Jahr der Corona-Pandemie, haben viele Menschen von den Impfmöglichkeiten noch keinen Gebrauch gemacht. Die groß angelegte Impfkampagne des Landes setzt nun auch auf individuelle Ansprache: Impflotsinnen und Impflotsen gehen gezielt auf Menschen zu, um über den Nutzen der Impfung zu informieren, Impfangebote im Quartier bekannt zu machen und bei Hürden zu unterstützen. Ausgebildet und betreut werden die Lotsinnen und Lotsen von der LZG. Sie sind bis Ende 2022 an vielen Orten in Rheinland-Pfalz im Einsatz. Gefördert wird das Projekt vom Ministerium für Wissenschaft und Gesundheit.
Die Menschen in gewohnter Umgebung erreichen
Die Impflotsinnen und Impflotsen sollen dazu beitragen, die Zahl der Erst-, Zweit- und Boosterimpfungen zu erhöhen. Dafür suchen sie das persönliche Gespräch: beim Einkaufen, beim Sprachkurs, in sozialen oder kulturellen Einrichtungen, bei den Tafeln oder auch an der Haustüre. Sie fragen nach, hören zu und nehmen die Ängste und Bedenken ihrer Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner ernst. Sie bieten Hilfe an, wenn organisatorische Schwierigkeiten oder sprachliche Barrieren der Grund dafür sind, dass ein Impfangebot bislang noch nicht genutzt wurde.

©Thorsten Zimmermann
Praxisnahe Schulungen als Basis
In modular aufgebauten Online-Schulungen bereitet die LZG die Impflotsinnen und Impflotsen auf ihren Einsatz vor. Sie lernen, verbreitete Fehlmeinungen und Falschaussagen über COVID-19 und die Schutzimpfung mit Faktenwissen zu entkräften, den persönlichen und gesellschaftlichen Nutzen einer Impfung zu erklären und zielgruppenadäquat zu kommunizieren. Zur Unterstützung stehen ihnen verlässliche Informationen auf der LZG-Webseite, Arbeitsmaterialien, eine persönliche Ausstattung mit Wiedererkennungswert und Give-Aways für ihre Arbeit zur Verfügung.

©Thorsten Zimmermann
So vorbereitet, machen sich die Impflotsinnen und Impflotsen in Zweierteams auf den Weg. Einsatzgebiet, Zeitpunkt des Einsatzes und Zielgruppen werden sorgfältig ausgewählt. Bekannte Treffpunkte und Termine – etwa ein Stadtteilfest oder soziokulturelle Angebote im Quartier – werden ebenso in die Planungen einbezogen wie aktuelle Impftermine.

©Thorsten Zimmermann
Regionale Verortung
Das aufsuchende Angebot dockt an kommunale Strukturen an. Um eine stabile und tragfähige Vernetzung vor Ort zu gewährleisten, schließt die LZG Kooperationsvereinbarungen mit der öffentlichen Verwaltung und örtlichen Trägern ab. Das kann ein Jobcenter, eine Familienbildungsstätte oder ein Wohlfahrtsverband sein. Der örtliche Kooperationspartner ist für die Akquise und Betreuung der Impflotsinnen und Impflotsen und für die Organisation der Einsätze zuständig.
Insgesamt 13 Kooperationen im ganzen Land schließt die LZG bis Abschluss des Projekts Ende 2022 ab. Mehr als 50 Personen werden im Laufe des Jahres qualifiziert und über 660 Einsätze durchgeführt.
Großes Medieninteresse
Schon vor dem offiziellen Start genießt das Projekt große öffentliche Aufmerksamkeit. Ein Presseterminin Mainz am 19. Januar 2022 u.a. mit Ministerpräsidentin Malu Dreyer, dem Leiter des Corona-Krisenstabs des Bundes, Generalmajor Carsten Breuer, sowie dem Landesimpfkoordinator Daniel Stich zieht zahlreiche Interviewanfragen und eine breite Berichterstattung in TV, Hörfunk, Print- und Onlinemedien nach sich. Häufiger Wunsch der Medien: Impflotsinnen und Impflotsen auf ihren Touren begleiten.

©Torsten Silz
Erfahrungen einer Impflotsin – TV-Interview
„Guten Tag! Brauchen Sie noch einen Impftermin?“ Mit dieser oder einer ähnlichen Frage gehen Sepideh Baghdadi und ihr Begleiter von den Malteser Werken Mainz gGmbH, einem der Kooperationspartner der LZG, auf Menschen zu, um mit ihnen ins Gespräch über das Impfen zu kommen. Sepideh Baghdadi ist iranisch-stämmige Psychologin, Impflotsin der ersten Stunde und eine gefragte Interviewpartnerin. In einem Beitrag des SWR berichtet sie von ihren Erfahrungen.
Frau Baghdadi, wie schaffen Sie es, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen?
Wir gehen freundlich auf die Leute zu, und wenn wir merken, dass sie uns nicht verstehen, versuchen wir, in ihrer Muttersprache weiterzureden. Weil wir in Zweierteams unterwegs sind und verschiedene Sprachen sprechen, funktioniert das meistens. Unser gesamtes Team ist bunt gemischt, nicht nur, was die Sprache angeht. Wir kommen aus unterschiedlichen Ländern und gehören unterschiedlichen Religionen an. Deutsche Muttersprachler sind natürlich auch dabei.
Sprechen Sie gezielt Menschen mit Migrationshintergrund an?
Wir sind in Gegenden unterwegs, in denen die Impfangebote nicht so gut angenommen werden. Das sind tatsächlich oft Gegenden, in denen viele Migrantinnen und Migranten leben. Das heißt aber nicht, dass diese Menschen die Impfung häufiger ablehnen als andere. Es ist eher oft so, dass sie die Informationen nicht so gut verstehen. Wir haben einen Vorteil, wenn wir ihre Muttersprache oder zumindest eine verwandte Sprache beherrschen. Man merkt gleich, dass dann Vertrauen entsteht.
Warum wollen sich denn die Menschen nicht impfen lassen?
Wir hören zum Beispiel oft, dass die Leute noch keine Zeit hatten, sich um einen Termin zu kümmern – weil sie auf der Arbeit sind oder sonst viel zu tun haben. Sie sind dann richtig froh, wenn wir ihnen sagen können, dass es am nächsten Tag in ihrer Nähe ein Impfangebot gibt. Oft vereinbaren wir sogar gleich einen Termin. Andere haben Angst, dass sie die vielen Fragebögen nicht verstehen und Fehler machen. Dann bieten wir an, sie zur Impfung zu begleiten.
Viele – vor allem junge – Menschen glauben, dass Corona ihnen nicht schadet, oder dass sie keine Impfung brauchen, weil sie schon infiziert waren. Denen versuchen wir klar zu machen, dass sie mit der Impfung auch andere schützen, ihre Familie zum Beispiel.
Natürlich treffen wir auch auf Vorurteile wie „Die Impfung verhindert Schwangerschaften“ oder „Der Impfstoff ist aus Schweineblut hergestellt“. Hier können wir wissenschaftliche Erkenntnisse entgegenhalten. Aber wenn wir merken, das ist ein richtiger Impfgegner, dann wünschen wir alles Gute und versuchen lieber, mit jemand anderem ins Gespräch zu kommen.
Worin sehen Sie den Erfolg Ihrer Arbeit?
Wir wissen natürlich nicht, wie viele Leute am Ende wirklich zum Impfen gehen. Aber es ist auch nicht unser Ziel, jemanden unter Druck zu setzen. Wir wollen, dass sich die Menschen ernst genommen fühlen, dass sie die richtigen Informationen bekommen und dass sie sich über die Impfung Gedanken machen. Sehr oft entstehen längere Gespräche und wir hören dann häufig „Ach, das habe ich nicht gewusst“. Das ist für mich ein Erfolg – ich denke, bei diesen Menschen haben wir etwas bewegt.
Aus: SWR Aktuell, 19.01.2022, 19:30 Uhr