Let’s talk about sex – eine kleine Skandalgeschichte
„Sexualität ist ein zentraler Bestandteil der Identität und Persönlichkeitsentwicklung des Menschen. Die Aufklärung über Sexualität darf sich deshalb nicht nur auf biologische Fakten und Informationen über Verhütungsmittel beschränken.“ So das Vorwort der LZG-Broschüre, die den flotten Titel „Let’s talk about sex – Ein Sex-Heft für Jugendliche“ trug und im November 1993 erschien. Die LZG wollte darin nicht nur nüchterne Fakten liefern. Sie wollte auf die Fragen und Probleme von Heranwachsenden eingehen und mit ihnen ins Gespräch kommen. Und sie wollte ganz offen über Sexualität reden.
Mit Jugendlichen über Sex reden?
So einfach ging das nicht. Die Aufklärungsbroschüre machte Schlagzeilen. Monatelang war sie das beherrschende Thema in Rheinland-Pfalz. Das „Sex-Heft“ wurde in den Medien diskutiert, in den Schulen, in Jugendzentren, im Landeselternbeirat, im rheinland-pfälzischen Landtag und auch im Mainzer Dom. Was die Herausgeber „modern und sinnlich“ fanden, war für andere „nackte Pornographie“.
„Die Demontage jeder Erziehung im Bereich von Sexualität“
Der damalige CDU-Landesvorsitzende Johannes Gerster sprach von einem „Anschlag auf die Menschenwürde“ und einer „geist- und seelenlosen Gossensprache, die der Verrohung unserer Gesellschaft bis hin zu einer gestiegenen Gewaltbereitschaft Vorschub leistet“. Der Mainzer Bischof Lehmann empörte sich in einem Brief an Ministerpräsident Rudolf Scharping über die „Demontage jeder Erziehung im Bereich von Sexualität, die bewusste Förderung einer Sprachverwilderung und einer dazugehörenden Verrohung der menschlichen Beziehungen“.
Was, um Gottes Willen, hatte die LZG da veröffentlicht? 32 Seiten umfasste das Heft, das zusammen mit einem Kondombriefchen an die Jugend in Rheinland-Pfalz verteilt werden sollte. Es war eine Broschüre mit bunten Bildern und flotten Texten. „Onanie ist voll in Ordnung“, hieß es da. Vor allem Jugendliche kamen in dem Heft zu Wort. Das gehörte zum Konzept: „Beim Stolpern durch den Dschungel der eigenen Gefühle hilft es, etwas von anderen anzuhören, anzusehen, mitzukriegen.“ Die Broschüre wollte anregen, miteinander zu reden und dabei Worte zu finden für Unaussprechliches. Sie formulierte Fragen zum Nachdenken und wollte nicht „Ein-für-allemal-Antworten“ geben.
Zwei Jahre Vorbereitung waren dem vorausgegangen. Schon im Dezember 1991 war beschlossen worden, eine Sexual- und AIDS-Aufklärungsbroschüre zu entwickeln, die in der AIDS-Prävention eingesetzt werden sollte. Konzipiert wurde die Broschüre von dem Sexual- und Medienpädagogen Frank Herrath, Mitbegründer des Instituts für Sexualpädagogik in Dortmund. Die LZG bildete dazu eine Arbeitsgruppe. Es wurden Interviews mit Jugendlichen geführt, gemeinsam mit ihnen erarbeitete man Texte.
„Zu lieben ist normal“
Die Themen waren vielfältig: Die Broschüre klärte über Verhütungsmethoden auf, über Sexualpraktiken, Geschlechtskrankheiten und AIDS. Es ging um die pure Lust und die große Liebe, um kleine und große Ängste und um geheime Wünsche. Jugendliche sprachen über die Schwierigkeiten beim ersten Mal. Sie sprachen über alles Mögliche: Über die Frage, wie groß der Altersunterschied sein kann, ob man beim Sex reden soll und ob es okay ist, wenn Mädchen immer ein Kondom dabeihaben. Es ging um Homo- und Heterosexualität und die Frage, was normal ist. „Zu lieben ist normal. Egal, wen du liebst“, so die Botschaft des Heftes.
Freizügig informierte die Broschüre über Probleme beim Orgasmus, sie erklärte Fremdwörter von A wie Analverkehr bis Z wie Zyklus und scheute dabei keine sprachlichen Tabus. „Cunnilingus ist das Lecken der Geschlechtsorgane der Frau. Des Cunnilingus‘ Bruder heißt Fellatio und meint das Blasen, Lecken, Saugen des Penis.“ Für Analverkehr sei „Arschficken“ das deutlichste Wort, heißt es ganz sachlich. Dieses deutliche Wort wurde – aus dem Zusammenhang gerissen – monatelang in der Presse zitiert. Dabei unerwähnt blieb, dass die Frage, welche Sprache angemessen ist, ein Thema der Broschüre war.
„Wörter für sich genommen sind ganz und gar unschuldig“
Es sei nicht leicht, über Sexualität zu sprechen. Was offiziell im Angebot sei, wenn man über Sex rede, mache den Eindruck, als solle besser gar nicht darüber geredet werden, so hieß es in der Broschüre. „Steif, steril und unsinnlich“seien die „erlaubten Wörter“. „Aber die Wörter für sich genommen sind ganz und gar unschuldig: Ob Möse, Scheide oder Muschi, ob vögeln, bumsen oder zusammen schlafen, ob geil oder aufregend – es kommt drauf an, wer’s sagt, in welcher Situation, mit welchem Ton.“ Dass es da auch zu verbalen Verletzungen kommen kann, dass achtsam mit Sprache umgegangen werden muss, wurde hervorgehoben: „Als ‚dumme Fotze‘, ‚schwule Sau‘ oder ‚alter Wichser‘ beschimpft zu werden, macht mies an und verletzt.“
Die Reaktionen auf die Broschüre waren dennoch heftig. In einer Flugblatt-Aktion forderte die CDU den Ministerpräsidenten des Landes auf, die Broschüre sofort aus dem Verkehr zu ziehen. Waschkörbeweise kamen die Leserbriefe bei der Mainzer Allgemeinen Zeitung an: „Eine Porno-Broschüre, die Kinder mit Dreck und Dummheit überschüttet“, eine „Kulturschande“, eine „Anstiftung zu perversem Verhalten“, eine „Propagierung von Ferkeleien“. Das Heft ließe auf „pathologische Züge seiner Urheber schließen“ und verdiene „staatsanwaltliche Beachtung“.
Auch der Vorsitzende der LZG, Sanitätsrat Dr. Günter Gerhardt, war Ziel von Beschimpfungen. „In anonymen Briefen und Telefonaten wurde ich damals in übler Gossensprache beleidigt. Ich bekam zahlreiche Medienanfragen und wurde in Talk-Shows eingeladen, wo ich die Haltung der LZG erklärte und versuchte, die Wellen zu glätten. Das gelang zum Beispiel, als sich ein katholischer Geistlicher am Schluss einer Sendung bei mir entschuldigte und eine Fehleinschätzung der Broschüre einräumte“, berichtet Dr. Gerhardt im Rückblick.
Wer sich die Mühe machte, das ganze Heft zu lesen, reagierte anders: „Auch wir waren sehr empört, dass eine solche ordinäre Sexbroschüre in Schulen verwendet werden sollte, bis wir die Broschüre gelesen hatten“, schrieb ein Ehepaar in einem Leserbrief an die AZ. „Die Zitate werden völlig aus dem Zusammenhang gerissen und lassen die Broschüre dadurch vulgär und gefühlsverroht erscheinen. Das Gegenteil ist der Fall.“
„Eine Sprachebene, die Jugendlichen vertraut ist“
Der Skandal zog bundesweit Kreise, rund 600 Presseartikel erschienen im In- und Ausland, sogar das US-amerikanische Nachrichtenmagazin TIME berichtete. Dazu gab es zahlreiche Beiträge im Fernsehen und im Hörfunk. Die erste Auflage von 30.000 Exemplaren war innerhalb weniger Wochen vergriffen. Die Menschen standen Schlange vor dem Gebäude der LZG in der Mainzer Innenstadt, um ein Heft zu ergattern. Für 30 DM wurde die Broschüre auf den Schulhöfen gehandelt. Anfang Februar 1994, keine zwei Monate nach der Veröffentlichung, lagen der LZG 500 Bestellungen von Schulen aus ganz Deutschland vor. Eine Jugendzeitschrift wollte das Heft in einer Auflage von 333.000 Stück als Dünndruckausgabe einer seiner nächsten Ausgaben beilegen. Auch der KLETT Schulbuchverlag zeigte Interesse an einem Nachdruck.
Pädagogen waren sich in der Mehrheit einig: Eine gute Broschüre, die sich an der Zielgruppe orientiert. „Zunächst ist es sexualpädagogisch notwendig, die Sprachebene zu wählen, die den Jugendlichen vertraut ist. In der Regel ist das die Umgangssprache mit den bekannten Ausdrücken“, argumentierte der Sexualpädagoge Norbert Kluge in einem Interview mit dem Rheinischen Merkur.
„Ein Generalangriff auf die Moral“
Im rheinland-pfälzischen Landtag tobte dagegen der Kulturkampf. Einen „Generalangriff auf die Moral“ sah die CDU. Den sahen die Grünen nicht. Die CDU solle lieber ihren Antrag auf die Wiederansiedlung des Weißstorchs in Rheinland-Pfalz unterstützen, wetterten die Grünen, „damit Sie wieder an den Klapperstorch glauben können.“ Das berichtete die Berliner taz aus der Plenarsitzung.
Die Fronten wurden immer härter. Schließlich kam es zu einer Anhörung im Landtag, der sozialpolitische Ausschuss befragte Fachleute. „Die Broschüre versammelt auf kleinstem Raum ein Höchstmaß an Informationen. Das ist eine Kunst“, stellte der Sexualpädagoge Uwe Sielert fest. Vom Landeselternbeirat kam dafür harte Kritik: Unkritisch informiere die Broschüre über Selbstbefriedigung, darüber hinaus diffamiere sie Eltern. Diese sollten sich, so meinten Jugendliche im Heft, „besser raushalten“. Der Verband deutscher Realschullehrer lehnte das „gesellschaftlich höchst bedenkliche Heft“ ab. Bernward Hoffmann, seinerzeit Erziehungswissenschaftler an der Katholischen Fachhochschule Mainz, bewertete es dagegen insgesamt als kommunikationsfördernd: „Wer meint, dieses Heft einstampfen zu müssen, sollte die Hälfte der an Kiosken feilgebotenen Zeitschriften und die Mehrzahl der privaten Fernsehprogramme vorweg einstampfen.“ Bis in den Sommer gingen die Auseinandersetzungen, im Juni 1994 schließlich beschloss der Vorstand der LZG eine überarbeitete Neuauflage der Broschüre.
Doch es kam anders: „Let’s talk about sex“ wurde nie wieder gedruckt. Dafür wurde 1996 die „Beziehungskiste“ entwickelt, ein spielpädagogisches Angebot, um miteinander über die Themen Liebe und Sexualität ins Gespräch zu kommen. Ein Jahr später wurde sie entsprechend ihrer äußeren Form umbenannt in „SexyEi“. Der neue Weg der Sexualpädagogik, der damit eingeschlagen werden sollte, endete nach ähnlichen Protesten auch schnell wieder. Auf Vorstandsbeschluss wurde das „SexyEi“ 1998 als Dauerleihgabe dem Landesjugendring Rheinland-Pfalz überlassen – wo es alsbald in Vergessenheit geriet. Damit endete der sicherlich größte Aufreger in der Geschichte der LZG.
Und die Moral von der Geschicht‘? „Man darf das nicht vor keuschen Ohren nennen, was keusche Herzen nicht entbehren können“ – das wusste Johann Wolfgang von Goethe schon fast zweihundert Jahre vor Veröffentlichung des „Sex-Heftes“.