Was macht ein Glückskeks im Friseursalon? Aktionen, Informationen und Bündnisse gegen Depression
Es ist eine der ersten öffentlichkeitswirksamen Aktionen der Initiative Bündnisse gegen Depression in Rheinland-Pfalz: Ein fröhlich-gelb verpackter Keks mit der Aufschrift „Ich will Dein Glückskeks sein“ verbreitet als Beigabe zum Kaffee gute Laune im Friseursalon – mit ernstem Hintergrund. Er macht auf eine oft verschwiegene, häufig unterschätzte Volkskrankheit aufmerksam: die Depression. Mit dieser unkonventionellen Idee und anderen Aktionen trägt die LZG dazu bei, die Erkrankung aus der Tabuzone zu holen.
You’ll never walk alone
Depression ist eine Erkrankung wie jede andere: Sie kann alle treffen, sie ist behandelbar und sie muss nicht ausweglos verlaufen. Mit diesen Kernbotschaften wird im Jahr 2009 die Initiative Bündnisse gegen Depression in Rheinland-Pfalzgegründet. Bald nach ihrem Start spricht sie mit zwei Kampagnen die breite Öffentlichkeit an.
Den Anstoß gab der Suizid des an Depression erkrankten Fußball-Nationaltorhüters Robert Enke 2009. Niemand hatte damit gerechnet: Er hatte seine Erkrankung über Jahre verschwiegen. Die LZG erinnert an seinem ersten Todestag mit dem Fußball-Motto „You’ll never walk alone“ daran, dass Menschen mit Depression nicht alleingelassen werden sollen. In rheinland-pfälzischen Fußballstadien aller Ligen steht der Treueschwur mit dem Zusatz „Gemeinsam gegen Depression“ auf den Anzeigentafeln. In den Stadionzeitungen und anderen Medien erscheinen Informationstexte. So erreicht die Botschaft Tausende von Menschen.
Ich will Dein Glückskeks sein
Ähnlich erfolgreich ist die Glückskeks-Aktion: In rund 700 Friseursalons in ganz Rheinland-Pfalz – traditionellen Orten der entspannten Kommunikation – wird das mit der Web-Adresse der Initiative versehene Gebäck der Kundschaft zum Kaffee serviert. Die Klickzahlen steigen in der Folge deutlich. Eine Postkarte mit den zentralen Botschaften „Depression hat viele Gesichter! Depression kann jeden treffen! Depression ist gut behandelbar!“ ergänzt die Aktion.

©Fredrik von Erichsen
Bündnisse im ganzen Land
Die elf Bündnisse gegen Depression in Rheinland-Pfalz machen die regionalen Angebote zu Beratung, Behandlung und Unterstützung von Menschen mit Depression bekannt. Sie tragen dazu bei, dass Betroffene die Hilfsangebote vor Ort schneller erreichen und frühzeitig nutzen können. Der Kreativität sind dabei kaum Grenzen gesetzt: Vorträge und Lesungen, Laufveranstaltungen, Filmvorführungen und Kunstausstellungen erreichen ein großes Publikum. Regelmäßige Fachveranstaltungen stärken die Vernetzung und fördern die Zusammenarbeit von Organisationen und Personen, die mit der Erkennung, Behandlung und Bewältigung von Depressionen zu tun haben. Das Deutsche Bündnis gegen Depression e.V. tritt mit seiner fachlichen Expertise als Partner auf.
Schwere(s)los – Depression im Alter
Depression gehört zu den häufigsten psychischen Erkrankungen im höheren Lebensalter, wird jedoch oft nicht oder erst spät erkannt. Viele Menschen halten Antriebslosigkeit, Niedergeschlagenheit und ängstliche Verstimmungen für unvermeidbare Begleiterscheinungen des Alters. Dass sich dahinter eine behandelbare Erkrankung verbergen könnte, ist selten bekannt. Deshalb setzt die LZG ab 2013 einen Schwerpunkt auf depressive Erkrankungen im Alter.
Unter dem Motto „Schwerelos statt schweres Los“ verbreitet sie das Thema im Land: mit Luftballon- und Postkartenaktionen, über eine Aufklärungsbroschüre, in Kooperation mit Hausärztinnen und Psychotherapeuten und zusammen mit lokalen Partnern aus dem Kreis der Rotarier und des Lions Clubs, mit den Landfrauenverbänden und Seniorenbeiräten.

Laufen gegen Depression
Zu einem weiteren Schwerpunkt wird das Thema „Laufen gegen Depression“. Laufsport hat nachweislich einen positiven Effekt auf die Stimmung von Menschen mit Depression. Er kann, regelmäßig betrieben, medikamentöse und psychotherapeutische Behandlungen wirksam unterstützen.
Unter dem Motto „Der Depression Beine machen“ starten im Herbst 2015 drei Laufgruppen unter sportfachlicher und psychotherapeutischer Leitung. Das Modellprojekt Aufbau von Laufgruppen für Menschen mit Depression in Rheinland-Pfalz wird in Kooperation mit der Landespsychotherapeutenkammer Rheinland-Pfalz durchgeführt und wissenschaftlich begleitet. Die Ergebnisse sind ermutigend: Für Menschen mit leichter und mittelschwerer Depression sind ambulante Laufgruppen ein vielversprechender Weg zu mehr psychischer Stabilität und größerem Wohlbefinden. Auch nach Abschluss des Modellprojekts unterstützt die LZG Menschen, die ein ambulantes Laufangebot für depressiv Erkrankte in ihrer Region aufbauen wollen. Ein praktischer Leitfaden sorgt dafür, dass in vielen Gegenden weitere Lauftreffs entstehen.

Wissen und Rat … per Online-Portal
Die Webseite der Initiative Bündnisse gegen Depression entwickelt sich schnell zu einem bürgernahen Info-Portal. Fragen wie: Was ist Depression? Wie ist sie zu erkennen? Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es? werden beantwortet und mit weiterführenden Informationen versehen. Eine eigene Rubrik hält Tipps für Angehörige und den Freundeskreis von Betroffenen genauso bereit wie Hilfe-Adressen und Kontakte von Selbsthilfegruppen – alles mit dem Ziel, die Lebensqualität von depressiv Erkrankten und ihrem persönlichen Umfeld zu verbessern. Die regionalen Bündnisse haben innerhalb des Portals eigene Seiten, auf denen sie ihre Ansprechpersonen und ihre Aktivitäten vorstellen.
… gedruckt zum Mitnehmen
Auch zahlreiche Print-Materialien werden entwickelt. Sie befassen sich damit, woran man eine depressive Erkrankung bei Kindern und Jugendlichen erkennt oder geben Anregungen, wie erkrankte Eltern ihren Kindern die Depression und deren Folgen für die Familie begreiflich machen können. Die 30-seitige Broschüre „Depression“ informiert über die Grundlagen der Krankheit, stellt Hilfsangebote vor und macht über Erfahrungsberichte nachvollziehbar, was sich am Erleben eines erkrankten Menschen ändert. Mit den Schwerpunkten „Depression im Alter“ und „Laufen gegen Depression“ kommen weitere Broschüren hinzu.

… und immer öfter interaktiv
Aufbauend auf den Erfahrungen während der Pandemie entstehen immer mehr Online-Angebote, etwa 2022 die Fortbildungsreihe „Wissen zum Lunch“. In Zusammenarbeit mit dem Zentrum für psychische Gesundheit im Alter (ZpGA) werden in fünf komprimierten Online-Veranstaltungen um die Mittagszeit, die sich an pflegerische, therapeutische und medizinische Fachkräfte richten, Informationen zum Thema Altersdepression vermittelt.
Mit dem psychNAVi Rheinland-Pfalz entsteht außerdem ein neues digitales Infoportal, das als Wegweiser in das psychologische und psychiatrische Hilfesystem dienen soll. Es unterstützt Menschen, die bei seelischen Problemen oder Erkrankungen nicht wissen, wohin sie sich wenden können: Über eine Suchmaske können sie künftig im psychNAVi psychologische und psychiatrische Hilfs- und Unterstützungsangebote in der eigenen Region suchen. Im Oktober 2023 wird das psychNAVi, das in Bremen entwickelt und von der LZG an rheinland-pfälzische Verhältnisse angepasst wurde, der Öffentlichkeit vorgestellt und kann dann von Betroffenen, Angehörigen und Fachpersonal genutzt werden.
Die Projekte im Arbeitsbereich Psychische Gesundheit werden gefördert vom Ministerium für Wissenschaft und Gesundheit Rheinland-Pfalz.